Erreger und Epidemiologie

  • Meningokokken werden nach Merkmalen ihrer Kapsel in verschiedene Serogruppen eingeteilt, die jeweils nochmals in verschieden Stämme differenziert werden können.

  • Relevante Krankheitserreger für den Menschen sind Meningokokken der Gruppen A, B, C, Y und W 135

  • Die Bedeutung der einzelnen Meningokokken-Serogruppen für die auftretenden Erkrankungen unterscheidet sich innerhalb Europas deutlich von Land zu Land.

  • In Deutschland werden:

    • ca. 60%  aller Infektionen durch Meningokokken B und

    • ca. deutlich weniger als 20% aller Infektionen durch Meningokokken C hervorgerufen.

    • die früher in Deutschland und Europe praktisch bedeutungslosen Meningokokken W und Y nehmen in den letzten Jahren an Bedeutung zu: Men Y war in Deutschland mit 35 Fällen im Jahr 2018 de facto genauso häufig wie Men C mit 39 Fällen, beide zusammen genommen übertreffen die Fallzahlen von Meningokokken C mittlerweile deutlich (SurvStat@RKI 2.0).

  • Insgesamt kommt es in Deutschland zu weniger als 0,5 Meningokokkeninfektionen pro 100.000 Einwohnern und Jahr (es gibt leichte regionale Unterschiede), damit zu weniger als 0,1 Meningokokken C-Infektionen pro 100.000 Einwohnern und Jahr (RKI 2016b).

  • Im europäischen Vergleich spielen die Meningokokken C verglichen mit Deutschland (0,05 Fälle/100.000 Einwohner/Jahr) in anderen Ländern  eine relativ deutlich größere Rolle (Zahlen für 2017 - ECDC Surveillance Atlas)

    • Frankreich : 0,22 Fälle/100.000/Jahr

    • Tschechien: 0,24 Fälle/100.000/Jahr
    • Irland: 0,59 Fälle/100.000/Jahr

    • In Deutschland traten - in absoluten Zahlen ausgedrückt - 2017 39 und 2018 31 Meningokokken C-Erkrankungen auf (RKI 2018).

  • Damit setzt sich ein Abwärtstrend in der Häufigkeit der Meningokokken-Erkrankungen fort, der schon deutlich vor der Einführung der Impfung begann und der auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten ist - auch in solchen, die nicht gegen Meningokokken impfen (ECDC 2015).

 

Men absolute Fallzahlen

 

Men EU 1999 2016

 

Men Serotypen in Prozent

  • Nach Ansicht des RKI nimmt in Deutschland nimmt seit 2006 (Beginn der Impfempfehlung) die Häufigkeit der (in der Impfung enthaltenen) Men C vor allem bei Kindern und Jugendlichen unter 19 Jahren als vorher (ECDC 2017, RKI 2016b) - dies lässt sich aus den vom RKI selbst veröffentlichten Zahlen jedoch nicht ohne Weiteres ablesen:

    • anders als z.B. in Großbritannien ist die Men C-Impfung in Deutschland erst im 2. Lebensjahr empfohlen - die besonders gefährdeten Säuglinge werden also ohnehin nicht geimpft. Bei einer einmaligen Impfung nach dem 1. Geburtstag ist die Wirkdauer der Impfung (gemessen an den nachweisbaren Antikörpern) ohnehin nur kurz: eine Studie, die die entsprechenden Antikörper weniger als zwei Jahre nach der Impfung untersuchte, fand nur bei gut einem Drittel der untersuchten Kinder noch als schützend angesehen Antikörperspiegel (Snape 2005).

    • geht man daher optimistisch von einem Schutz bis zum maximal 5. Geburtstag aus zeigt der Blick auf die Zahlen des RKI, dass der Rückgang der Men C-Erkrankungen im 2. - 5. Lebensjahr sich nicht qualitativ von dem in anderen Altersgruppen oder von dem der Men B-Fälle im gleichen Alter und im gleichen Zeitraum unterscheidet:

Men nach Altersgruppen

 

  • Insgesamt betrifft der Rückgang der Meningokokken-Erkrankungen deutlich stärker die häufigeren Meningokokken B und hier vor allem Fälle bei Kindern und Jugendlichen - da gegen Men B erst seit 2013 eine Impfung existiert, die bisher in nur sehr wenigen europäischen Ländern empfohlen wird, kann diese hier nicht als Grund herangezogen werden. "Der genaue Grund für die starke Abnahme der MenB-Erkrankungen, die vorrangig verantwortlich ist für die Abnahme der Gesamtinzidenz und die auch in anderen europäischen Ländern beobachtet wird, ist unklar" (RKI 2016b).

  • Als möglicher Grund wird von der STIKO u.a. die Verminderung des Anteils beschwerdefreier Meningokokken-Träger (s.u.) diskutiert (RKI 2016b).

  • Es wird deutlich, dass die Epidemiologie der Meningokokken-Erkrankungen weitestgehend unabhängig von den eingeführten Men-C-Impfprogrammen verläuft - GB hatte als erstes Land bereits 1999 begonnen, gegen MenC zu impfen, andere Länder folgten meist zwischen 2004 und (D) 2006.

  • Die erste Graphik zeigt jedoch auch, dass in den letzten Jahren eine Zunahme von Serotypen zu beobachten ist, die in den vergangenen Jahrzehnten in Europa praktisch keine Rolle spielten: Y und W .

  • In den Niederlanden hat sich die Häufigkeit der bis vor 10 Jahren in Europa praktisch unbekannten Men W von 2015 bis 2017 verzehnfacht, so dass dort seit 2018 eine Impfung gegen Men ACWY empfohlen wird (Knol 2018).

  • Der naheliegende Verdacht, dies beruhe - im Sinne eines replacement-Phänomens wie bei Haemophilus influenzae oder Pneumokokken - unmittelbar auf der eingeführten Impfung, greift wohl zu kurz: zwar ist GB, dass schon am längsten gegen MenC und seit 2014 auch gegen MenB impft, mit am stärksten von diesem Anstieg betroffen (v.a. MenW), das Phänomen betrifft aber auch Länder, die - wie Schweden - bis zum heutigen Tag gar nicht gegen Meningokokken impfen (in Schweden v.a. MenY).

  • In Deutschland haben MenW und MenY in der Häufigkeit zusammengenommen MenC seit einigen Jahren deutlich überrundet.
  • Letztendlich zeigt die genaue Betrachtung der Epidemiologie, dass wir sie bis zum heutigen Tage weder verstanden haben, noch erklären können - was uns aber nicht davon abhält, mit Impfprogrammen an einzelnen Schrauben dieses unverstandenen Geflechtes herumzudrehen.

  • In Europa sind ca. 10% der Bevölkerung beschwerdefreie Träger von Meningokokken im Nasen-Rachen-Raum - die Betroffenen bilden offenbar als Folge der Besiedlung wirksame Antikörper, die sie vor der Infektion schützen, erkranken selber aber nur selten an "Invasiven Meningokokken-Erkrankungen IME" wie Hirnhautentzündung oder Blutvergiftung. (RKI 2016). Einzelne Bevölkerungsgruppen haben offenbar höhere Trägerquoten, so fand eine Studie in Westdeutschland bei fast 20% der untersuchten Jugendlichen Meningokokken verschiedener Serotypen im Rachenabstrich (Glitza 2008).

  • Bei Schwächung der lokalen oder systemischen Abwehr oder Schädigung der Atemwegsschleimhaut (z.B. durch Rauchen) kann es zu Infektionen kommen.

  • Der Kontakt zu einer an einer Meningokokkeninfektion erkrankten Person erhöht das Erkrankungsrisiko um den Faktor 1000.

  • Betroffen sind in Deutschland (wie auch in anderen europäischen Ländern) vor allem Säuglinge im ersten Lebensjahr - diese werden von der aktuellen Impfempfehlung der STIKO aber nicht erfasst und geschützt (ECDC Surveillance Atlas). Deutlich weniger ausgeprägte Erkrankungshäufungen finden sich bei  Kleinkindern in den ersten 5 Lebensjahren und bei Jugendlichen.

 

Infektionsmodus

  • Tröpfcheninfektion

 

Erkrankungen

  • Hochakut verlaufende bakterielle Hirnhautentzündung mit oder ohne Sepsis (Blutvergiftung) und folgendem Multiorganversagen

 

Prognose

  • Ca. 5 - 10% der Patienten sterben, bei ca. 15% der Überlebenden kommt es zu Defektheilungen mit bleibenden Behinderungen

  • Schwere Verläufe mit Blutvergiftung (Sepsis) oder Multiorganversagen werden etwa gleichhäufig von Men B und Men C ausgelöst (RKI 2012).

  • Die Sterblichkeit scheint bei Meningokokken C-Erkrankungen (ca. 14%) etwas höher zu sein, als bei Meningokokken B-Infektionen (ca. 10%) (RKI 2016b).

 

Therapie/Prophylaxe

  • Penicillin

  • Chemoprophylaxe aller Kontaktpersonen mit Rifampicin

 

Literatur:

arznei-telegramm. 2006; 37: 100-1

ECDC. Annual epidemiological report 2014. 2015.

ECDC 2017. http://atlas.ecdc.europa.eu/public/index.aspx?Instance=GeneralAtlas. Abruf 23.04.2017

Glitza IC. 2008. International Journal of Hygiene and Environmental Health. 211(3–4):263–72

Knol MJ. 2018. Euro Surveill. 23(16):pii=18-00158.

RKI. EpiBull 39 2012. Zuletzt abgerufen 08.11.2016

RKI (2016a). Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2015. Berlin 2016

RKI (2016b). EpiBull 43 2016. Zuletzt abgerufen 08.11.2016

RKI. o.a. SurvStat@RKI 2.0. Abruf zuletzt am 09.01.2019

Snape MD. 2005. The Pediatric Infectious Disease Journal. 24(2):128–31