Drucken

Eine Übersetzung dieses Kommentars vom 02.03.2020 (!) aus dem British Medical Journal, verfasst von Tom Jefferson.

Wegen meines Hintergrundes als Epidemiologie und Forscher für Cochrane und meiner Einbindung in den H1N1-Ausbruch werde ich oft auf der Straße angehalten, oder in einer Bar oder im Fitness-Studio und zu Covid-19 gefragt. Die Fragen lauten üblicherweise: wie lange dauert es, bis Symptome auftreten? Wie kann ich es vermeiden? Ist es ernst? Dies sind nur einige wenige Beispiele und sie unterscheiden sich nicht von dem, was Leute, sagen wir, in einem Park in Leeds oder einer U-Bahn in New York fragen würden.

Außer, dass ich in Italien lebe, dem am drittstärksten betroffenen Land in der Welt, dass meine Kinder dort zur Schule gehen und meine Enkel planen, nach Italien zu kommen und uns zu besuchen.

Der Ton meiner Antworten ist üblicherweise ablehnend. Ich erkläre die Natur eines grippalen Infektes, die Tatsache, dass es sich um ein Syndrom handelt, dass es nicht einen einzigen Grund gibt und die Gallerie der "Schuldigen" im Laufe der Zeit ansteigt. Aber es ist mysteriös, es kommt und geht. Das ist der Grund, warum es Influenza heißt, weil unsere Vorfahren ihre Zunahme und Abnahme der influenza degli astri, oder dem "Einfluss der Planeten" zuschrieben. Was bedeutet, dass sie keine Ahnung hatten, wo und warum es begann und wohin es sich entwickelte. Wir haben immer noch keine Ahnung.

 Es gibt jedoch eine Frage, die mir meine italienischen Freunde of stellen und auf die ich keine Antwort habe: wie unterscheidet es sich von den grippalen Infekten, die wir kennen? Mario, ein Paramedic, der an Gewichten trainiert, sieht mich als den Quell aller Weisheit, aber ich fürchte, sein Vertrauen ist fehl am Platze.

 Ich begann damit, etwas über Fledermäuse, Vögel, feuchte Marktplätze, ein neues Virus und so weiter zu murmeln. Flink fuhr ich fort mit dem was ich tat, aber es blieb ein nagendes Gefühl der Unwissenheit.

Nun, der Serotyp des Virus ist neu, klar, aber ist das genug, um die fieberhafte Aufmerksamkeit der Medien zu erklären? Die Fallzahlen stiegen in China rasch an, und dann, vor allem, hier in Italien und genauso war es mit den Todesfällen. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich dies schreibe gab es 2838 Todesfälle in China und 86 anderswo auf der Welt, folgt man der WHO. Obwohl niemand sicher weiß, wie viele Menschen jedes Jahr an Influenza sterben, klingen 2838 Todesfälle innerhalb von drei Monaten, verglichen mit den annähernd 900.000 Todesfällen pro Monat in China insgesamt (vor allem wegen Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen) nicht viel. Und in welchem Verhältnis stehen die 86 Todesfälle weltweit (China ausgenommen) mit den Todesfällen an Influenza und grippalen Infekten? Machen Sie sich nicht die Mühe, das nachzuschlagen: wir wissen es nicht.

Vielleicht könnte die Sterblichkeit, das Verhältnis zwischen bestätigten Fällen und Toten den Aufruhr erklären? Diese scheint irgendwo zwischen 0,18% und 4,9% (abhängig davon wohin man schaut) zu liegen, im Durchschnitt unter denen anderer Ausbrüche von Coronaviren. Und die Todesfälle scheinen sich bei Älteren und Menschen mit Vorerkrankungen zu konzentrieren.

Also kann ich meine nagenden Zweifel nicht besänftigen, es scheint nichts besonderes zu sein an dieser besonderen Epidemie eines grippalen Infektes.

Es gibt allerdings zwei Konsequenzen dieser Situation, die mich beunruhigen.

Die erste ist der Mangel an Glaubwürdigkeit der Institutionen, den meine Freunde wahrnehmen. Es sind Feuerwehrleute, Polizisten, selbst ein Hausarzt - nicht die Art von Menschen, die man in einem Notfall verunsichern möchte. Ein Restaurantbesitzer erzählte mir, er würde sich niemals bei den Gesundheitsbehörden melden, weil das mindestens zwei Wochen Schließung bedeuten und sein Restaurant ruinieren würde.

Scherzkekse und Schwindler machen Überstunden im Internet. Die Authoritäten haben 2005 und 2009 Alarm geschrieen wegen der Influenza und das haben sie jetzt davon.

Die zweite ist: wird, wenn das Licht der Öffentlichkeit sich abwendet, eine ernsthafte, konzentrierte internationale Anstrengung geben, die Ursachen und Ursprünge grippaler Infekte und die Lebenszyklen der Beteiligten zu verstehen?

Die Vergangenheit lehrt mich, dass dies nicht geschehen wird und wir weiterhin die Influenza als universelle Seuche unter das Dach des Treibhauses wirtschaftlicher Interessen zurückschieben werden. Beachten Sie den Unterschied: Influenza (verursacht durch Influenza A- und B-Viren, für die es zugelassene Impfstoffe und Medikamente gibt), nicht grippale Infekte, zu deren Abwehr wir das ganze Jahr über unsere Hände waschen sollten, nicht nur jetzt.

Derweil, ich kann Marios Frage immer noch nicht beantworten: was ist dieses Mal anders?

 

Tom Jefferson ist Epidemiologe und Forscher für Cochrane. Jefferson lebt und arbeitet in Rom, Italien. Die Erklärung seiner Interessenkonflikte finden Sie hier.

Jefferson forscht für Cochrane seit Jahren speziell zu Epidemiolgie der Influenza und der Sinnhaftigkeit von Influenza-Impfstoffen.